kev dog

 

"Du mußtest entertainen, um Blockparties zu schmeißen. Das Publikum war immer sehr rauh, und es gab keine Security. Wenn da Publikum nicht unterhalten wurde, konnte es sehr gefährlich werden",
erinnerte sich Grandmaster Flash in Steven Hager's
"Hip Hop - A Street History
".

Seit über 20 Jahren hat er Kevin "The Dog" Harris (seinen Bodyguard und Assistenten) an seiner Seite, und als der britische Journalist David Toop, der 1984 den ersten Teil des Buches "Rap Attack" herausgab, erlebte auch Kevin darin sein persönliches 'coming up'.
11 Jahre später, 1995, gab er sich beim Interview in Hollis Queens sehr offen. Es war Indian Summer, drei Monate nachdem Special Ed von KRS-One bezwungen wurde und die Furious 5 ein Battle gegen die Cold Crush Brothers für sich entschieden.
Kev lag nach einem Autounfall in Gips ...

KEV: How ya doin'? This is Kev Dog with Grandmaster Flash!

YARD: Wie bist du mit Grandmaster Flash zusammengekommen?


KEV: Laß mich überlegen. Ich glaube, ich warf 1974 das erste Mal ein Auge auf Grandmaster Flash.
Ja, das war 1974 auf einer Kool Herc-Party. Ja, es war Kool Herc's Geburtstag.
Es war ein Set up, ein Battle, denn Kool Herc ist DJ, ebenso DJ MCJC - er ist der schnellste Bursche, den ich in der Bronx kannte. Wir waren anfangs gegen Flash und seine Crew - bis ich ihn in dieser Nacht spielen hörte.

Er spielte die Platte "I Can't Stop" und er cuttete sie auf solch eine Art und Weise, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Die Dinge kamen auf mich zu, ich hatte Kool Herc's Crew zu verlassen, um mit Grandmaster Flash down zu sein.
Ich bemühte mich, dieses zu erreichen.

Im Jahr 1979 ging ich in den Club Disco Fever, der sich in der Bronx befand, um ihn und die Furious Five live zu sehen.
Es war das Beste, das ich jemals sah, obwohl ich nur die letzten 15 Minuten ihrer Show erlebte, als sie die Platte "Freedom" machten.
Von "Freedom" gingen sie über zu "Party Night", welches die Welt als "Flash To The Beat" kennt, wo Rahiem singt, the Furious Five doing harmony und Flash die Beatbox spielte.
Als er die Beatbox in dieser Nacht spielte, erkannte ich, daß er und die Furious 5 den Rap auf eine andere Ebene hoben. Ich habe wirklich alles unternommen, mit ihnen down zu sein, aber es war schwierig, in die Crew hineinzubrechen.
Wenn man erst mal drin ist, ist man es ein Leben lang, denn jetzt, 1995, sind wir immernoch zusammen, und das sind schon ganze 16/17 Jahre!


YARD: Wie steht es um den Hip Hop Untergrund in New York?


KEV: Gegenwärtig sind da zwei Dinge in New York - Rap und real Hip Hop.
Wir haben ebenso unsere Writer und Breakdancer. Hip Hop ist eine Kultur, es ist die Art wie wir leben.
Es ist mehr als nur die Musik. Da ist die Musik, die Kleidung, die Art zu leben, ...
Es gibt eine bestimmte Atmosphäre im Hip Hop, die die Rapmusik niemals beinhalten kann.
Du kannst die Rapmusik hören, die du magst, aber um den Hip Hop kennenzulernen, mußte man an Orte wie den Tunnel Club oder The Esso gehen.
The Melton Pot war eine Art Gegenstück. Wir hatten Jahre zuvor noch viele Clubs wie The Latin Quarters oder Union Square. Diese Clubs offenbarten Hip Hop in seiner ursprünglichsten Form. Es waren Orte, wo die MC's einfach nur hingingen, um auf sich aufmerksam zu machen. Hip Hop ist mittlerweile so tief Undergroung. Wenn man den Hip Hop nicht genau anschaut, nicht so genau wie man es sollte, wird man ihn nicht verstehen können. Hip Hop ist in den Schulen, zu Hause, sogar in der Kirche, um von Run zu reden.
Run von Run-DMC ist eine Art Minister, ein geweihter Priester! Es war ein langer Weg von "Sucker MC's", "It's Like That" bis hin zum Schritt in die Welt des Glaubens.
Was ich an Run verstehen kann ist, daß er das, was er gewohnt war zu machen, mit dem verbindet, was er heute macht. Ich finde, wenn er Hip Hop in die Kirche bringen könnte, wäre das der größte Schritt, den Hip Hop jemals machen kann. Hip Hop in der Stadt - wir gehen in die Clubs, wir leben für den Augenblick.
Es könnte das Mädchen sein, in der Art wie es gekleidet ist, die Art wie eine Platte gespielt wird, ... . Es ist einfach nur der Augenblick, egal was passiert. Die Graffiti-Artists haben sich ein bißchen von der Straße entfernt, sie verbanden ihre Sache mit anderen Dingen. Pieces, die einst nur auf Zügen und Gebäuden zu sehen waren, sieht man heute auf Jacken und Shirts.
Um eine Gruppe hervorzuheben: die Shirt Kanes, welche in Jamaica (Queens) tätig sind. Sie stellen ein bestimmtes Image in Logos, Pieces, Cartoons, Taggs etc. auf Shirts dar.
Natürlich trage ich auch eines: es zeigt ein Kev Dog-Logo auf der Vorder-, Team Flash und einen Lightning Ball auf der Rückseite.
Mit so etwas würde man nur rechnen, wenn man Writing am Zug betreibt. Heute ist es so, daß die Weißen nach Downtown gehen, diese Sachen kaufen und ihr Zuhause damit dekorieren. Nimm Keith Haring - seine Pop-Art. Er ist das, was man den Andy Warhol der Hip-Hop-Industrie nennt. Der Mann ist so groß und seine Sachen gehen von kleinen Kindern bis hin zur Aids Foundation. Das ist ein großer Schritt, der auf die Hip Hop-Kultur zurückzuführen ist, ein großer Schritt, der dem Hip Hop zugute kommt.
Solange wie wir writen gingen, war Geld unwichtig.
Wir würden Parkshows machen und uns einfach an irgendwelche Energiequellen anschließen. Du kannst es im neuen Naughty By Nature-Video sehen, wo Flash sich an eine Quelle anschließt und alle seine Musik hören können. So haben wir es in der Vergangenheit gemacht. Laß doch die Stadt dafür bezahlen, daß die Kids Spaß haben und sich einen Namen machen wollen! So haben wir angefangen, alles war wild durcheinander, und niemand glaubte daran, es je stoppen zu können.
Heute haben sich verschiedene Stile des Rap - Gangster-Rap, politischer Rap oder eben 'conscious' Rap - entwickelt.
Ich war 17 Jahre und länger ein Teil davon, und manchmal erfreut es mich zu sehen, was wir erreicht haben.
Wir haben auch schlechte Seiten, aber die guten überwiegen.


YARD: Was bedeutet für dich 'Real Hip Hop'?


KEV: Ich sollte die Worte meines Kameraden Kid Creole verwenden: "Hip Hop heißt zuerst, ehrlich zu Dir selbst zu sein, und die Kultur steht an zweiter Stelle". Wenn man ehrlich zu sich selbst ist - wie man ist - kann man ehrlich zu dem sein, was man tut. Egal was ist, stehe zu dir selbst. Das bedeutet Hip Hop für mich. Wir machen nichts für die Ewigkeit.


YARD: Hip Hop ist mittlerweile überall auf der Welt.
Ursprünglich kommt es doch von den Schwarzen, aus Gegenden wie der Bronx ...



KEV: Das verblüfft mich sehr, denn am Anfang spielte sich alles für gewöhnlich im Park ab, jede Freitag- und Samstag Nacht.Verschiedene DJ's kamen und machten ihr Ding. Seit1983 war ich in Paris, Belgien, London, St. Thomas, Hawaii, Puerto Rico, Japan, ...
Unglaublich, wie es sich entwickelt hat: von dem, was wir gewohnt waren zu machen, zu dem, was es heute ist.
Es ist gut, wenn Leute hinzukommen und mal etwas anderes kennenlernen, aber ich hätte niemals gedacht, daß der Hip Hop einmal so groß werden würde, wie er ist. Ich hätte nie daran gedacht, einmal nach Deutschland zu kommen und Leute tags und pieces machen zu sehen.
Es sind genau die Sachen, die wir für gewöhnlich machten. Flash war ein Graffiti-Writer, ich bombte ein bißchen, jeder Writer schrieb seinen Namen, ... Die Musik, wir machten unsere Sache im Park, aber niemand von uns konnte voraussehen, daß es international werden würde: Rapping in einer anderen Sprache, Freestyling auf Deutsch oder Japanisch.
Der DMC-DJ-Award, Leute aus Deutschland, Australien, San Francisco, von überall her machen etwas, was wir für gewöhnlich im Park taten. Sie machen es auf einem hohen Level. Dennoch ist zu sehen, wie 'true' New York der ganzen Sache immer gegenüberstand: der 1995er DMC-Award ging an einen Jungen aus Harlem, dem ich immer beeindruckt gegenüberstand: Roc Raida.
Er gewann den Award, sie holten ihn nach London, er präsentierte seine Sache und alle schauten wieder nach New York zurück.
Hip Hop ging den Weg vom 'Black-Kid-Thing' zum 'Worldwide-People-Thing'. Das erkannte ich, als ich all diese verschiedenen Leute sah.
Es kamen mehr Leute zum Hip Hop, als wir dachten. Beim Zuhören findet vielleicht der eine oder andere heraus, was Hip Hop ist.
Hip Hop ist ein Lebensweg. Wer nur die Oberfläche kennenlernt, lebt ihn nicht so, wie wir es tun. Schon wenn man sagt, daß man uns zu verstehen versucht, ist das eine Freude für uns!
Hip Hop ist eine der größten Bewegungen seit Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung.


YARD: Wie steht es um die Gewalt auf der Straße?


KEV: Früher gab so etwas nicht, daß Menschen mißhandelt, geschlagen und ermordet wurden, während sie Konzerte besuchten.
Wenn sie sich daran erfreuen würden, was sie haben, gäbe es weniger Probleme.
Das hat eine Menge mit der Regierung zu tun, ihre Strukturierung der Stadt. Einige haben nichts, andere wollen zu viel, aber nicht dafür arbeiten. Würden die Menschen mehr Stolz dafür empfinden, was sie erreicht haben, würde es weniger Morde, Raubüberfälle und Schmerzen geben. Wir leben in einer sehr armen Stadt, aber das ist keine Entschuldigung, denn viele Länder und Städte sind ärmer als unsere und dennoch weniger kriminell.
Flash und ich, wir sind zu dem Schluß gekommen, daß die heutige Jugend sehr, sehr ärgerlich ist, und sie weiß nicht einmal warum. Würde sie sich mehr auf das Warum konzentrieren, würde es weniger Zerstörung und mehr positive Dinge geben.
Wenn die Kids von heute es nicht zusammen anpacken, gibt es kein Morgen. Es sind ärgerliche Kids hier.


YARD: Wie schaut es in New Yorks Radiostationen aus?


KEV: Um ehrlich zu sein, wir haben einige Radiostationen hier in New York, aber um auf Radiostationen zu kommen, die Underground-Sachen spielen, muß man zu den College-Stations gehen oder WNWK auf 105.9 FM.
Sie sind auf die Underground-Sachen spezialisiert. Dann gibt es verschiedene Shows auf Radiostationen, die einen Geschmack vom Untergrund geben. Man bekommt nicht die Sachen, die wirklich 'true' sind, aber sie geben immerhin einen Geschmack.
Radio in New York ist sehr soft und weich geworden. Es gibt es lediglich eine Radiostation, die Rapmusik spielt, und das ist Hot 97.
Sie haben einen eigenen Absatzmarkt, denn niemand anderes würde diese Musik spielen, außer den Independent-Stationen.
Ich glaube, wenn die Menschen nicht die Underground-Seite der Musik zu hören bekommen, werden sie nie die Kultur verstehen und erkennen wo sie herkommt. Die Underground-Seite mit all ihren Aspekten erzählt davon, was wirklich abgeht. Man muß das verbreiten.
Die Leute denken, je weniger sie wissen, umso weniger kümmern wir uns darum.
Ich bin froh, daß der Fall O.J. Simpson so viel Neues gebracht hat, weil er den Schwarzen eine Chance gab, zu sehen, was passiert, wenn sie vor Gericht stehen. Alles das würde nicht passieren, wenn dort ein Weißer stände.
Um auf den Freispruch zu kommen: irgendwer hat diese zwei Menschen getötet und soll dafür bezahlen.
Ich weiß nicht, ob es O.J. war, aber jemand tötete sie und soll bezahlen. (Kev versinkt leise in Gedanken)


YARD: Ich erinnere mich an den Abend in Rostock.
Die Stage-Crew rief nach B-Boys und MC's aus, wovon dann auch einige erschienen.
Grandmaster Flash ließ aber nicht viele MC's zu Wort kommen.


KEV: Solange wie ich Flash kannte, war das einzige, was ich zu ihm sagte 'hello' und 'goodbye', bis 1977. Der Grund dafür ist, daß Flash ganz einfach eine sehr private Person ist. Sein Umfeld ist sehr klein. Es gibt keinen Weg in sein Leben einzudringen, bis zu dem Punkt, an dem er das möchte. In der Vergangenheit war es eine Ehre, Teil von Grandmaster Flash's Umfeld zu sein. In den Jahren 1977 bis '79 machten Flash und seine Crew verrückte Shows, und 1980 hörte man immer weniger von Flash-Jams in New York City. Aber wenn sie eine machten, war es eine großartige Show!


YARD: Wie sahen die Anfänge von DJing und MCing aus, und inwiefern sind Flash,
Herc und Bam die 'founding fathers' des Hip Hop?


KEV: Meiner Meinung nach war da nur ein DJ, der alles in die Parks brachte, denn seine Familie kam mit solch einem großen Soundsystem nach Amerika und machte dasselbe, was sie gewöhnlich in Jamaika taten: das war Kool Herc.
Er hatte das bestklingende Soundsystem, das es gab: die besten Bässe, Mittelstimmen und Höhen. Sein System war so laut.
Andere DJ's folgten ihm in die Parks, waren ihm aber nicht gewachsen. Dennoch kamen sie mit Dingen, die er nicht hatte: Style.
Flash hatte Style. Bambaataa hatte die größte Plattensammlung, bis heute. Ja, heute.
Keiner hat eine größere Sammlung von Platten als Bam. Jede Platte, die auf der Erde gepresst wurde, Bam hat sie in seinem Archiv!
Auch wenn es nur eine Kopie auf der Welt gibt, Bambaataa hat sie.
Kool Herc brachte es in die Parks, andere DJ's folgten, die es weiter als nur in die Parks brachten.
Grandmaster Flash, Kool DJ Herc, Afrika Bambaataa waren die drei DJ's, die alles starteten.


YARD: Woher kommt in deinen Auge eigentlich dieser Begriff 'Hip Hop'?


KEV: Das kommt von ... ja, ich glaube Cowboy: "To the hip hop, you don't stop."
Es war einfach ein Phrase, aber es war der Hip Hop: "To the hip hop, you don't stop."
Eine Phrase, die aus einem Reim kam und alle Rapper kennzeichnete. Die Rapper nutzten sie als ein Label für das, was sie machten.
Sie machten "To the hip hop, you don't stop." Man Parrish machte eine Platte, die "Hip Hop Be Bop (Don't Stop)" hieß und hat damit die Phrase bekannter gemacht.
Heutzutage nennt die Großindustrie es aus einem einfachen Grund lieber 'Rap'als 'Hip Hop', denn wenn wir es 'Hip Hop' nennen, dann müssen die anderen erst erforschen, was das ist.
Wir halten ihres persönlich für 'Rap', denn das ist alles, womit sie sich beschäftigen und wofür sie sich verantwortlich fühlen.
Man kann nicht nur für einen Teil des Hip Hop Verantwortung zeigen. Man ist im Spiel drin, um es zu gewinnen.
Was bei Interscope Records und Time Warner passiert, ist lächerlich. Die Artists haben zwar ihre Freedom-Of-Speech-Rechte, verschwenden aber ihr Geld, ihre Zeit, ihre Sachkundigkeit, ihre Männlichkeit, denn sie schreiben nur diese für den Hip Hop unüblichen Dinge.
Von meiner Mutter habe ich gelernt, "If you don't like it, don't watch it. If you don't like it, don't listen to it. If it doesn't move you or groove you, don't turn it on!" Doch es ist falsch, solche Verbote auszusprechen.
Was diese Artists machen, halten sie für richtig.
Aber das, was wir machen, ist 'Hip Hop' und nicht 'Rap'! Ich wünschte, es wäre so einfach - ist es aber nicht.

von Sascha Weigelt